Blog: Hartmann Rechtsanwälte
28.05.2015

Ältere Männer oben ohne, Frauen jedoch nicht?

Fotolia_79070277_XS_300x200Das BSG und die Perücke in der GKV (Urteil vom 22.04.2015, B 3 KR 3/14 R)

Anders als haarlose Frauen erregen haarlose Männer weder besondere Aufmerksamkeit im Sinne von Angestarrt-Werden, noch werden sie stigmatisiert, so das BSG in seiner Pressemeldung zum oben genannten Urteil. Was steckt dahinter?

Der 1938 geborene Kläger leidet seit rund 30 Jahren an vollständiger Haarlosigkeit (Alopecia areata universalis). Hinzu kommt die Neigung zur Bildung von Weißflecken (Vitiligo) bei ohnehin hellem Hauttyp. Die beklagte Krankenkasse hatte ihn in der Vergangenheit wiederholt, zuletzt im Dezember 2006, mit Perücken versorgt. Der letzte Antrag auf Neuversorgung wurde jedoch abgelehnt, da Kahlköpfigkeit und Haarverlust bei Männern nicht als störende Auffälligkeit wahrgenommen werde und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben deshalb auch ohne Perücke uneingeschränkt möglich sei.

Auch beim BSG hatte der Kläger keinen Erfolg.

Zwar können Perücken Hilfsmittel im Sinne der GKV sein und insbesondere sind Vollperücken keine Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, aber:
Grundsätzlich haben an einem Verlust des Kopfhaares leidende Männer keinen Anspruch auf Versorgung mit einer Vollperücke. Der alleinige Verlust des Haupthaares beeinträchtigt weder die Körperfunktionen noch wirkt er entstellend und hat damit keinen Krankheitswert. Die überwiegende Zahl der Männer verliert im Laufe des Lebens ganz oder teilweise ihr Kopfhaar. Haarlosigkeit bei Frauen dagegen tritt aus biologischen Gründen nicht regelhaft im Laufe des Lebens ein und ist daher ein von der Norm abweichender Zustand, der – wenn er entstellend wirkt – krankheitswertig sein kann. Die Versorgung einer Frau mit einer Perücke kann daher Aufgabe der gesetzlichen Krankenversicherung sein.

Männer sind allerdings nicht vollständig von der Versorgung mit Vollperücken zu Lasten der Krankenversicherung ausgeschlossen. Ein solcher Anspruch kann bestehen, wenn der Haarverlust nicht allein die Kopfbehaarung, sondern auch die übrige Behaarung des Kopfes wie Brauen, Wimpern und Bart erfasst. Ein solcher Haarverlust geht über den typischen männlichen Haarverlust hinaus und kann insbesondere bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen Aufsehen erregen. Je nach Alter des Mannes und Aussehen des unbehaarten Kopfes kann in einem solchen Fall eine auffallende, entstellende Wirkung vorliegen, die Krankheitswert besitzt.

Eine entsprechende Wirkung hat der haarlose Kopf des zum Zeitpunkt der Beschaffung der Perücke deutlich über siebzigjährigen Klägers hingegen nicht. Nicht maßgeblich ist dabei, ob der Betroffene seine Haarlosigkeit subjektiv entstellend empfindet.

Ob dem geneigten Leser bei dieser Entscheidung die Haare zu Berge stehen werden, wissen wir leider nicht.

 

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