Blog: Hartmann Rechtsanwälte
16.12.2014

Leistungsbeurteilungen in Arbeitszeugnissen – abschaffen?

Fotolia_60944007_XS_300x200Am Ende eines Arbeitsverhältnisses gibt es sehr häufig Probleme bei der Formulierung der Leistungsbewertungen des Arbeitnehmers. Da den Zeugnissen aber bei der Einstellung ein so hoher Stellenwert zukommt, wird erbittert vor Gericht um die Formulierungen gestritten. In einer solchen Streitigkeit hatte das Bundesarbeitsgericht (BAG) am 18.November 2014, AZ.: 9 AZR 584/13, zu entscheiden.

Es ging um die Mitarbeiterin einer Zahnarztpraxis, die dort am Empfang und als Bürofachkraft beschäftigt war. Mit der Beurteilung ihrer Tätigkeit „zur vollen Zufriedenheit“ wollte sie sich nicht zufrieden geben. In der allgegenwärtigen Sprache der Zeugnisse bedeutet diese Beurteilung, dass die Arbeitnehmerin durchschnittlich gearbeitet hat und dieses der Schulnote „befriedigend“ entspricht. Die Beurteilung „stets zur vollen Zufriedenheit“ bedeutet ein gut, „stets zur vollsten Zufriedenheit“ die Schulnote sehr gut. Die Vorinstanzen hatten der Klägerin noch damit Recht gegeben, dass der Arbeitgeber nachweisen müsse, wenn der Arbeitnehmer nur befriedigende Arbeitsleistungen erbracht habe. Denn in Studien sei belegt worden, dass 90% der untersuchten Beurteilungen von Arbeitszeugnissen die Schlussnoten „gut“ oder „sehr gut“ aufweisen. Dem erteilte das BAG jedoch eine Absage. Es verbleibt dabei, dass der Arbeitnehmer den Beweis zu erbringen hat, besser als nur durchschnittlich gut gearbeitet zu haben.

Auslöser der Gerichtsverfahren, mit denen Arbeitgeber immer wieder überzogen werden, ist der Anspruch auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis nach § 109 Gewerbeordnung in Verbindung mit dem Anspruch des Arbeitnehmers auf eine wohlwollende Beurteilung, die sein weiteres Fortkommen nicht über Gebühr beeinträchtigen darf. Denn der Zeugnisschreiber wird dadurch zu einem wahren Spagat zwischen der erforderlichen „Zeugniswahrheit“ und einer diskriminierungsfreien und wohlwollend klingenden Formulierung gezwungen. So kommt es zu wahren Zeugnisblüten, mit denen aber die neuen Arbeitgeber bzw. deren Personalabteilungen nur noch wenig anfangen können. Es stellt sich ihnen immer die Frage – sind die Formulierungen ernst gemeint oder durch ein Urteil oder zur Vermeidung eines Gerichtsverfahrens geschönt?

Den Ausweg könnte ein einfaches Zeugnis bieten, das die Daten des Arbeitnehmers, die Arbeitsbereiche in denen er tätig war und die Dauer des Arbeitsverhältnisses enthält. Solange aber der Anspruch auf das qualifizierte Zeugnis besteht, kann der Arbeitnehmer sich darauf leider nicht einlassen; das einfache Zeugnis steht unter dem Generalverdacht, dass damit eine schlechte Beurteilung vertuscht wird. Damit aber kann sich der gute Arbeitnehmer nicht zufrieden geben. Dieses Dilemma kann jedoch nur der Gesetzgeber durch Abschaffen des qualifizierten Arbeitszeugnisses lösen.

Fakt bleibt jedoch: Was immer im Zeugnis steht – welche Qualitäten der neue Mitarbeiter hat, wird sich erst in der Praxis zeigen.

 

The following two tabs change content below.

Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeitsrecht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.